Einfluss von Windenergieanlagen auf Raufußhühner

Obwohl Raufußhühner zu den am besten untersuchten Vogelgruppen gehören, ist über den Einfluss von Windrädern auf diese Vögel keine wissenschaftlich ausreichende Untersuchung durchgeführt worden. Es gibt zwar mehrere Publikationen zu Einzelfällen, in denen das Thema  dargestellt wird, allerdings gibt es keine eindeutige Antwort auf die Frage, was genau den Einfluss in welchem Maße verursacht. Vermutlich ist es eine Kombination aus Schattenwurf, Lärm und zunehmder Nutzung des Gebiets durch Menschen.

Was bisher über Windkraft und Raufußhühner bekannt ist, wird im Folgenden beschrieben. Da aber zahlreiche Einflussfaktoren um Windenergieanlagen den Erhaltungszustand von Raufußhühner-Populationen beeinflussen, werden diese ebenfalls kurz dargestellt.

Scheuchwirkung und Verlagerung

Die Fläche an Lebensraum, die für den Bau eines Windrads zerstört wird, ist relativ klein. Falls im Folgenden jedoch Tiere das Gebiet im Anlagenumkreis weniger nutzen oder sogar ganz meiden, kann dies zu großen Lebensraumverlusten führen. Manche Wissenschaftler vermuten sogar, dass die indirekten Auswirkungen auf Populationsebene größere Effekte haben können, als die direkte Mortalität durch Kollisionen.

Birkhuhn

In Österreich ist nach dem Bau eines Windparks ein extremer Rückgang der dortigen Birkhuhn (Tetrao tetrix) - Population dokumentiert worden¹. Der Windpark befindet sich direkt auf einem Balzplatz, der vor dem Bau von 12 Hähnen genutzt wurde. Danach wurde der Balzplatz über einen Zeitraum von fünf Jahren von den Birkhühnern verlassen. In der Region um den Windpark ist die Anzahl balzender Birkhähne von 41 auf nur 9 Hähne über den Zeitraum von fünf Jahren zurückgegangen¹. Am gleichen Windpark fanden die Forscher Indizien für den Rückgang von Alpenschneehühnern (Lagopus mutus).

Ergebnisse aus zwei weiteren Studie deuten darauf hin, dass Birkhühner den Bereich von 500 Metern um das Windrad herum weniger nutzen²'³.

Auerhuhn

Eine spanische Unterart des Auerhuhns, das Kantabrische Auerhuhn (Tetrao urogallus cantabricus), wurde nach dem Bau eines Windparks deutlich weniger nachgewiesen als davor⁴. Vor und nach dem Bau des Windparks wurde nach Auerhuhn Nachweisen (Sichtungen, Kot, Federn) gesucht. Ein Jahr nach dem Bau wurden signifikant weniger Nachweise gefunden, was eine Verlagerung der Tiere aus dem Gebiet annehmen lässt⁴.

Nach der Errichtung einer Windenergieanlage im Nahbereich eines Auerhuhn-Balzplatzes in Schweden, wurde über einen Zeitraum von fünf Jahren ein Rückgang um 50% (von 10 auf 5 Hähne) beobachtet⁴. Bei demselben Windpark wurde auch ein Auerhahn aufgefunden, der gegen den Turm eines der Windräder geflogen war⁵.

Moorschneehuhn

Bei Moorschneehühnern (Lagopus lagopus) ist in zwei unterschiedlichen Studien (Schottland, Norwegen) kein Meideverhalten der Tiere festgestellt worden⁶'⁷.

Präriehuhn & Beifußhuhn (Nordamerika)

Beim Präriehuhn (Tympanuchus cupido) in Nordamerika suggerieren Balzplatzzählungen einen Effekt der Windparks auf die Population⁸. Im Jahr vor der Erstellung des Windparks wurden auf 10 Balzplätzen in der näheren Umgebung (Distanz zwischen 88-1470 Meter) insgesamt 103 Präriehühner gezählt. Vier Jahre nach dem Bau wurde nur ein Balzplatz von drei Individuen besucht. Im fünften Jahr waren an acht Balzplätzen insgesamt 130 Präriehühner. Einer dieser Balzplätze war nur 300 Meter von dem nächsten Windrad entfernt, was auf einen Gewöhnungseffekt hindeuten könnte.Da sich im Gebiet über den Zeitraum noch andere Faktoren geändert haben (z.B. Brände und Beweidung) ist es allerdings schwierig zu sagen, ob nur der Bau der Windenergieanlagen die Schwankungen in der Population verursacht hat⁸.

In einer Studie in Wyoming, Nordamerika, hat man an Beifußhühnern (Centrocercus urophasianus) herausgefunden, dass die Überlebenschance in Windradnähe geringer war als weiter weg⁹.

Obwohl in einem Windpark in Kansas kein Effekt der Windräder auf den Bruterfolg und die Selektion der Nistplätze von Prairiehühnern (Tympanuchus cupido) gefunden wurde, konnte gezeigt werden, dass die weiblichen Tiere im gleichen Gebiet trotzdem ihre Raumnutzung änderten¹⁰'¹¹ . Die Streifgebiete der Vögel waren nach dem Bau des Windparks viel größer als vor dem Bau und die Vögel nutzten bevorzugt Gebiete in größerer Distanz zur Anlage¹¹.

Obenstehende Beispiele zeigen die großen Unterschiede zwischen Arten und Gebieten, wodurch diese verursacht werden, ist allerdings nicht sicher.

Kollision

Für viele Raufußhuhnarten ist bekannt, dass sie sehr häufig mit menschlichen Bauwerken in ihrem Lebensraum kollidieren. So steht schon seit langem fest, dass die Kollision mit Zäunen, Elektrizitätskabeln und Skiliftseilen bei vielen Raufußhühnern häufig zum Tod führt¹²'¹³'¹⁴'¹⁵

Es ist somit auch nicht verwunderlich, dass auch Kollisionen mit Windturbinen vorkommen. In einer norwegischen Studie waren Moorschneehühner (Lagopus lagopus) mit insgesamt 42 gefundenen Vögeln sogar die häufigsten Kollisionsopfer⁷. Auch aus Schweden gibt es Fälle, bei denen Moorschneehühner mit Türmen von Windrädern kollidiert sind¹⁶.

Von folgenden Raufußhuhnarten sind tödliche Kollisionen mit Türmen von Windrädern bekannt

  • Schweifhuhn (Tympanuchus phasianellus) ¹⁷
  • Moorschneehuhn (Lagopus lagopus) ⁷'¹⁸
  • Kragenhuhn (Bonasa umbellus) ¹⁹
  • Auerhuhn (Tetrao urogallus)
  • Birkhuhn (Tetrao tetrix) ¹

Inwieweit sich diese zusätzliche Mortalität auf die Populationen der Arten auswirkt, ist allerdings unbekannt. Auf Arten mit hoher Lebenserwartung und relativ langsamer Fortpflanzungsrate (i.e. Raufußhühner) kann eine Zunahme der Mortalitätsrate von adulten Tieren jedoch relativ schnell negative Auswirkungen auf deren Population haben²⁰.

Weitere Einflussmöglichkeiten

Es scheint, als ob der Bau von Windrädern Einfluss auf manche Raufußhühner hat. Was genau diesen Einfluss verursacht, ist aber unklar. Offensichtlich ist, dass die Vögel während der Bauphase der Windräder gestört werden. Die Effekte, die längerfristig auftauchen können, sind aber komplizierter.

Lebensraumverlust

Die Größe von modernen Windrädern erfordert eine relativ große Zuwegung. Diese muss entweder neu angelegt werden oder es müssen bestehende Wege ausgebaut werden. Zusätzlich geht durch die Fundamente und Stellflächen Lebensraum verloren.

Wenn ein Windrad im Lebensraum von Raufußhühnern entsteht, führt dies immer zu einem Lebensraumverlust. Allerdings hat dies wahrscheinlich nur bei großen Windparks oder bei sehr begrenzten Lebensräumen einen signifikanten Einfluss auf die Population.

Lärm

Windräder produzieren abhängig von Typ, Lage und Windgeschwindigkeit Geräusche unterschiedlicher Lautstärke. Es ist unklar, inwieweit dies Raufußhühner beeinflusst.

Von anderen Vogelarten ist allerdings bekannt, dass menschliche Geräusche einen Einfluss auf das Verhalten der Vögel haben können²¹'²²'²³.

Schattenwurf und Bewegung der Rotorblätter

Die Schatten der Rotorblätter einer WEA bewegen sich täglich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, abhängig von Wetterlage und Jahreszeit. Auch die Bewegung der Rotorblätter selbst ist je nach Wetter- und Wolkenlage eine "ungewöhnliche" und nicht einschätzbare Bewegung in der Luft.

Da Raufußhühner zu den Beutetieren von Greifvögeln zählen, reagieren sie auf deren Schatten und alle Bewegungen in der Luft. Es besteht die Möglichkeit, dass der sich bewegende Schattenwurf oder die Bewegung der Rotorblätter zu Fluchtreaktionen oder Beunruhigung führt. Raufußhühner, die im Offenland leben (z.B. das Nordamerikanische Präriehuhn Tympanuchus cupido) meiden sogar hohe Strukturen wie Bäume oder Strommasten in ihrem Lebensraum, wahrscheinlich weil dies Strukturen sind, die von Greifvögeln bevorzugt genutzt werden²⁴. Für Arten, die im Wald leben, ist dieser Grund allerdings eher unwahrscheinlich.

Folgenutzung

Fast alle Raufußhuhnarten sind sehr scheu gegenüber Menschen. Daher führt eine Zunahme an Menschen in ihren Lebensräumen zu einer Einschränkung der Lebensraumnutzung. Von Auerhühnern und Birkhühnern ist bekannt, dass sie in Gebieten mit viel Wintertourismus einen höheren Stresshormonlevel haben als in Bereichen mit weniger Menschen²⁵'²⁶. Außerdem sind Verhaltensänderungen aufgrund von Störungen feststellbar²⁶.

Zudem wissen wir, dass sowohl Auerhühner als auch Birkhühner menschliche Wanderwege in manchen Gebieten meiden und dass dies zu einer Einschränkung der Lebensraumnutzung führen kann.

Der Neu- und Ausbau von (Wald-) Wegen führt in vielen Fällen zu einer Zunahme menschlicher Nutzung in diesen Gebieten²⁷'²⁸. Es ist deshalb anzunehmen, dass der Wegebau zur Erstellung einer Windenergieanlage zu einem negativen Effekt für Raufußhühner führt.

Die obengenannten Effekte können sowohl einzeln, als auch im Zusammenspiel, Auswirkungen auf Raufußhühner haben. Da viele Raufußhuhnarten in ihrem Bestand bedroht sind und deshalb unter Schutz stehen, werden diese Arten bei der Planung und Genehmigung von Windrädern berücksichtigt. 

 

¹ Zeiler & Grünschachner-Berger (2009): Impact of wind power plants on black grouse, Lyrurus tetrix in Alpine regions
² Grünschachner-Berger & Kainer (2011): Birkhühner Tetrao tetrix (Linnaeus 1758): Ein Leben zwischen Windrädern und Schiliften
³ Zwart et al. (2015): Using environmental impact assessment and post-construction monitoring data to inform wind energy developments
⁴ González & Ena (2011): Cantabrian Capercaillie signs disappeared after a wind farm construction
⁵ Rönning: Tjäderkommittén
⁶ Pearce-Higgins et al. (2009): The distribution of breeding birds around upland wind farms
⁷ Bevanger (2011): Pre- and post-construction studies of conflicts between birds and wind turbines in coastal Norway (BirdWind)
⁸ Johnson & Young (2011): Greater Prairie Chicken Lek Surveys, Elk River Wind Farm, Butler County, Kansas
⁹ Johnson et al. (2012): Greater Sage-Grouse Habitat Use and Population Demographics at the Simpson Ridge Wind Resource Area, Carbon County, Wyoming
¹⁰ Mcnew et al. (2014): Effects of Wind Energy Development on Nesting Ecology of Greater Prairie-Chickens in Fragmented Grasslands
¹¹ Winder et al. (2014): Space use by female Greater Prairie-Chickens in response to wind energy development
¹² Catt et al. (1994): Collisions against Fences by woodland grouse in Scotland
¹³ Braines & Summers (1997): Assessment of bird collisions with deer fences in Scottish forests
¹⁴ Braines & Andrew (2003): Marking of deer fences to reduce frequency of collisions by woodland grouse
¹⁵ Bevanger & Brøseth (2004): Impact of power lines on bird mortality in a subalpine area
¹⁶ Falkdahlen et al. (2013): Fågelundersökning vid Storruns vindkraftanläggning, Jämtland
¹⁷ Brown & Hamilton (2004): Bird and Bat monitoring at the McBride Lake Wind Farm
¹⁸ Bioscan (2001): Novar Windfarm Ltd Ornithological Monitoring Studies - Breeding bird and birdstrike monitoring 2001 results and 5-year review
¹⁹ Kerns & Kerlinger (2004): A study of bird and bat collision fatalities at the Mountaineer Wind Energy Center, Tucker County, West Virginia: Annual report for 2003
²⁰ Sæther & Bakke (2000): Avian life history variation and contribution of demographic traits to the population growth rate
²¹ Brown (1990): Measuring the effect of aircraftnoise on sea birds
²² Slabbekoorn & Peet (2003): Birds sing at a higher pitch in urban noise
²³ Nemeth, E. & Brumm (2009): Blackbirds sing higher-pitched songs in citie: adaptation to habitat acoustics or side-effect of urbanization?
²⁴ Pruett et al. (2009): Avoidance Behavior by Prairie Grouse: Implications for Development of Wind Energy
²⁵ Thiel et al. (2008): Ski tourism affects habitat use and evokes a physiological stress response in capercaillie Tetrao urogallus: a new methodological approach
²⁶ Thiel et al. (2007): Effects of recreation and hunting on flushing distance of capercaillie
²⁷ Forman & Alexander (1998): Roads and their major ecological effects
²⁸ Summers et al. (2007): Measuring avoidance by Capercaillie Tetrao urogallus of woodlands close to tracks